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Die drei Hartmänner von St. Moritz

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MUSEUM-ENGIADINAIS.CH
Hans Peter
Danuser

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind im Engadin zu Hause und zeigen uns ihren Blickwinkel. Was bewegt Land und Leute? Wo ist das Engadin stark und wo hinkt es einzelnen Mitbewerbern hinterher? Und was geschieht auf politischer Bühne? Der Blog «Engadin direkt» berichtet persönlich und authentisch.

Eines meiner kulturellen Highlights dieses Sommers fand am 12. Juli in St. Moritz statt. Das war der Tag der offenen Museen, der einmal mehr zeigte, dass der extravagante Ort nicht nur aus Sport und Schickimicki besteht. Sieben kulturelle Hotspots empfingen ihre Gäste und Fans – nicht schlecht für eine Gemeinde mit 5000 Einwohnern: Berry Museum, Dokumentations- und Leihbibliothek, Segantini Museum im Forum Paracelsus, Kutschen- und Pferdeschlittensammlung Oberalpina, Milli Weber Haus, Museum Engiadinais, The St. Moritz Design Gallery.

Ich kam direkt vom Comersee und wählte das schön renovierte Engadiner Museum aus – ein Hartmann-Bau. Und exakt über diese Architekten-Dynastie zeigt das Museum dieses Jahr – noch bis zum 20. Oktober eine sehr gelungene Sonderausstellung: «Hartmann – Architekten einer Familie».

Wie bedeutend und zeitresistent die Hartmann-Gebäude im Engadin sind, zeigen ihre 14 ausgewählten Bauten der Ausstellung, die allein in St. Moritz noch stehen und deren Substanz klar erkennbar ist: Bahnhof, Hotel «La Margna», Hotel «Engadiner Kulm», «Badrutt’s Palace Hotel», Schulhaus Dorf, Konditorei Hanselmann, Engadiner Museum, Segantini Museum (derzeit im Umbau), Englische Kirche St. John, Haus zur Heimat am See, Reithalle, Kirche St. Karl, Villa Planta (ehemaliges Hotel Sur l’En), Eglise au Bois.

Was mir den Besuch der Ausstellung unvergesslich machte, war die Präsentation der «drei St. Moritzer Hartmänner» durch Köbi Gantenbein und seine «Bandella delle Mille Lire» im edlen Arven-Barock-Zimmer des Museums. Gantenbein ist Co-Gründer und langjähriger Chefredaktor des Architektur- und Design-Magazins «Hochparterre» sowie Präsident der Bündner Kulturkommission. Seine neun Mitmusiker sind gereifte Persönlichkeiten, denen das Musizieren ganz offensichtlich Spass macht. Mit lüpfigem Sound stimmen sie Grossvater, Vater und Sohn Hartmann musikalisch ein, bevor Köbi samt Klarinette jeden Protagonisten seiner Generation träf und witzig vorstellt.

Absoluter Höhepunkt ist seine Aufforderung an die anwesende Kristiana Hartmann zum lockeren Walzertanz auf der Bühne.

Klar, dass ich die folgende Einladung zum Umtrunk der Bandella im Veltlinerkeller mit Freude annehme. Dabei lerne ich die Stammhalterin der legendären Familie kennen: Frau Prof. Dr. K. Hartmann. Ihr Buch liegt in der Ausstellung auch auf: «Baumeister in Graubünden. Drei Generationen Nicolaus Hartmann, 1850 – 1950».

Sie lebt heute in Berlin, Chur und St. Moritz. Ich erzähle ihr von meinen regelmässigen Besuchen einer der grössten Baustellen im Engadin an der Via Tinus im Dorf. Mein jüngster Sohn war jeweils  begeistert vom «Ballett» der drei riesigen gelben Kranen und den bis zu vier Baggern, die gleichzeitig zügig werkten. Alle Viertelstunden kreuzten sich rechts neben der Baustelle die Kabinen der Chantarella-Bahn – ein faszinierendes Programm für einen Dreikäsehoch, aber auch für mich mit kritischem Militärblick für Ordnung, Tenu und rationale Abläufe. Und ich konnte der Nachfahrin der Hartmann Architekten mit voller Überzeugung bestätigen, dass auch die aktuelle Bau-Firma Hartmann ihrem Namen alle Ehre macht. Da wird präzis und zielbewusst gearbeitet, dass es auch für Aussenstehende eine Freude ist – vor allen, wenn es dann noch um Wohnungen für Einheimische geht.

Dass die Hartmanns auch das Herz auf dem rechten Fleck haben, zeigt der wunderschöne neugotischen Turm der Kirche San Peder von Sent im Unterengadin. Er stammt von Nikolaus Hartmann, der die Pläne 1898 den Sentern kostenfrei zur Verfügung stellte. Die Legende sagt, dass er den Turm ursprünglich für die reformierte Dorfkirche von St. Moritz entworfen habe, dieser den Auftraggebern aber zu niedrig gewesen sei, da sie den höchsten Turm im Tal haben wollten – se non è vero è ben trovato.

PS: Am Samstag, 21. September 2019, findet im Engadiner Museum in St. Moritz ein Gespräch mit Kristina Hartmann statt: 16.30 Uhr am Kachelofen. Christof Kübler diskutiert mit der emeritierten Professorin über ihren beruflichen Werdegang. «Warum sind Sie nicht Architektin geworden?» fragt er die Enkelin von Nicolaus Hartmann jun. Sie lehrte Architektur- und Stadtbaugeschichte und erlebte die Fremde als Heimat.

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